10.
Jahrgang 2011
Wissensfiktionen. Wieviel Phantasie steckt in der Wirklichkeit?
Wirklichkeit besitzt ein Phantasiepotential: theoretisch, praktisch, selbst technisch sind immer auch andere Zugänge denkbar, Deutungen und Deutungsmöglichkeiten geben sich die Klinke in die Hand, Deutungen der Deutungen konkurrieren gegeneinander und auch die Rede vom Realitätskern erweist sich bei näherem Hinsehen als extrem deutungsbedürftig, sprich kontrovers deutbar. Es ist eine müßige Frage, ob die verschiedenen Disziplinen der Wissenschaft unterschiedliche Wirklichkeiten thematisieren oder unterschiedliche Aspekte der einen Wirklichkeit, wenn es keine Instanz gibt, die diese eine Wirklichkeit zwischen oder hinter all den Aspekten herauszufischen versteht. Was für die Disziplinen gilt, das gilt für jede Art von konkurrierenden Theorien.
Weniger müßig erscheint diese Frage, sobald man lebendige Kulturen in den Blick nimmt, die miteinander um die Gestaltung derselben Wirklichkeit oder Wirklichkeitsinseln konkurrieren oder neue Realitätsräume erzeugen, die in keinem Koordinatensystem sicher verankert sind. Dann werden die einfachsten Fragen z.B. ethischer Art unlösbar oder sie lösen sich unter der Hand, auf Zuruf oder per Handschlag. Manche, auch daran besteht kein Zweifel, werden ausgekämpft und müssen sogar ausgekämpft werden – aber dieses Müssen wird selbstredend zum Problem, weil es von der jeweils gegnerischen Seite anders interpretiert wird. Selbst die Idee der Zwillingskonkurrenz ist ein Konstrukt und ein Phantasma, an dem teilzuhaben man die andere Seite nur einladen kann. Ob sie die Einladung annimmt oder ausschlägt, bleibt bis zum Schluss ungewiss, ungeachtet aller Regularien, die es dafür gibt.
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Wir verneigen uns vor den Opfern der japanischen Katastrophe. Wir bezeugen Mitleid mit denen, die das Unglück überlebt haben und ihre Toten begraben. Angesichts des Unvorhergesehenen und in seiner Gewalt Unvorhersehbaren bekunden wir denen Achtung, die, an welcher Stelle auch immer, tun, was getan werden muss. Befremden empfinden wir angesichts panischer und wahltaktischer Reaktionen im eigenen Land, das von den Ereignissen nicht einmal berührt, erst recht nicht in Mitleidenschaft gezogen wird – es sei denn auf Grund ökonomischer Verflechtungen, die eher Anlass für Hilfe und Mitgefühl geben.
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