Julian Nida-Rümelin, Humanismus als Leitkultur.
Ein Perspektivenwechsel, herausgegeben von Elif Özmen,
München (C.H. Beck) 2006, 224 S.


Der frühere Staatsminister für Kultur, Professor Dr. Julian Nida-Rümelin, spricht sich in seinem Buch für eine Erneuerung kultur- und bildungspolitischer Ideale im Sinne eines zeitgemäßen Humanismus aus. Dieser neue Humanismus basiert für ihn auf einem Menschenbild, das sich als Gegenstück zum Menschenbild des homo oeconomicus versteht. Sein angestrebtes Menschenbild eines neuen Humanismus stellt sich bewusst dem heute vorherrschenden kurzfristigen Denken der Wissenschaftspolitik entgegen. Es orientiert sich nicht am Primat der Nutzenanwendung und ökonomischen Verwertbarkeit. Die Herausgeberin Elif Özmen betont, dass »Zweckfreiheit statt Instrumentalisierung, Respekt vor der Eigengesetzlichkeit von Forschung und Lehre, von Kunst und Kultur« die konstituierenden Leitsätze eines solchen dem Autor vorschwebenden »erneuerten Humanismus« sind.

In der Vergangenheit waren Leistungen in Wissenschaft, Bildung und Kultur prägend für das Selbstbild und -verständnis Deutschlands als Nation. In den letzten Jahren nahm diese gesellschaftspolitische Grundlage der deutschen Identität und damit einhergehend ihre Integrationskraft für das Gemeinwesen zunehmend ab, wie die Debatte um die deutsche Leitkultur exemplarisch belegte. Julian Nida-Rümelin analysiert die Ursachen dieser Entwicklung. Er zeigt nicht nur die Folgen der Erosion bildungspolitischer Werte für das gegenwärtige Gemeinwesen, sondern ebenso Wege zu einem erneuerten Humanismus in Bildung, Kunst und Kultur auf. Dieser muss sich an den Werten und Normen der Menschenbilder und des respektvollen Umgangs mit Verschiedenheit orientieren. Um diesen Wandel in der gesamten Gesellschaft zu erreichen, hält der Philosoph eine umfassende Erneuerung der humanistischen Substanz von Bildung und Kultur für zwingend nötig.

Der Kulturpolitiker und Wissenschaftler Nida-Rümelin war in dem dem Buch zugrunde liegenden Zeitraum bis 1998 als Hochschullehrer an der Universität Göttingen tätig, von 1998 bis 2000 als Kulturdezernent der Stadt München und anschließend von 2001 bis 2002 als Kulturstaatsminister der Bundesregierung. Der vorliegende Sammelband wurde von der Philosophin Elif Özmen herausgegeben, die seine persönliche Referentin im Amt des Staatsministers in Berlin war. Er enthält Reden und Schriften der Jahre 1996 bis 2005 und ist vom Genre her eher eine Anthologie als eine Monographie. Dies tut der Bedeutung des Buches keinen Abbruch, es erlaubt auch Laien sich den Problemfeldern der gegenwärtigen Bildungs-, Wissenschafts- und Kulturpolitik zu nähern und einen ersten Überblick über die Materie und ihre grundlegende gesellschaftliche Bedeutung zu bekommen.

Der Band ist in drei Hauptthemenfelder unterteilt, die sich der Gesamtthematik eines zeitgemäßen Humanismus unterschiedlich annähern. Im ersten Teil unter dem Titel Bildung und Kultur – Grundlagen wird eine Bestandsaufnahme vorgenommen, die die derzeit noch vorhandene Substanz in Bildung und Wissenschaft analysiert und zur Rückbesinnung auf die Tradition des Humanismus für die weitere Entwicklung der wissenschaftlichen Bildung aufruft. Neben einem Nachzeichnen der einst historisch besonderen Rolle Deutschlands als Kultur- und Bildungsnation sowie des besonderen genuin europäischen Kerns des Humanismus wird auf den Zusammenhang von Bildung und Persönlichkeitsbildung sowie auf die in der Bildungslandschaft um sich greifende Ökonomisierung eingegangen. Der Autor beschränkt sich nicht auf die Diagnose der Gegenwart bzw. einen Appell, sondern gibt zudem gezielt Ratschläge für die Zukunft der wissenschaftlichen Bildung, vor allem für die Chancen und erwünschten Ziele der derzeit erfolgenden Neuausrichtung der Geisteswissenschaften.

Das zweite Themenfeld Kunst und Lebenswelt behandelt das Wechselspiel dieser Bereiche. Neben der Aufarbeitung des Verhältnisses dieser beiden Felder widmet sich der Teil ebenso der Würdigung verschiedener Kulturbereiche. Von der Kultur der Innovation in Wissenschaft und Kunst reicht die Perspektive über die Architektur, Raum- und Stadtplanung zur Bildenden Kunst und Buchkultur bis hin zur heutzutage allgegenwärtigen Popkultur. Wenn überhaupt, mag man einen Beitrag zur Kultur des Films und Fernsehens vermissen, was um so mehr erstaunt, da Nida-Rümelin sich gerade auf diesem Gebiet ausgesprochen engagiert und zweifelsohne eine Vielzahl von Meriten aufzuweisen hat. Das heutige Filmförderungsgesetz ist beispielsweise sein Werk. Diese Thematik ließ sich wohl nicht hinreichend mit der eingenommenen Blickrichtung auf grundsätzliche Überlegungen zur humanistischen Bildung und Kultur  verbinden, so dass die Herausgeberin Özmen auf Überlegungen zu diesem spezifischen Kulturbereich verzichtete.

Der dritte Teil des Buches steht unter dem Titel Perspektiven der Zivilgesellschaft. Er stellt die Bedingungen einer werteorientierten und toleranten Gesellschaft in den Vordergrund. Von Fragen der kulturellen Integration ausländischer Bürger über die Idee der Zivilgesellschaft, die Vorteile der Mehrsprachigkeit sowie die Probleme und Chancen der Globalisierung reicht die Bandbreite der behandelten Themen. Auch kritische Aspekte wie die Verteidigung der offenen Gesellschaft gegen ihre Feinde werden nicht ausgeklammert. Toleranz gegenüber anderen Kulturen, zu erbringende Integrationsleistungen zugezogener Bürger, aber auch Fragen, wie der des Fundamentalismus oder der gegenseitigen Anerkennung verschiedener Lebensformen geht Nida-Rümelin nicht aus dem Weg. Alle in diesem Kontext gesellschaftspolitisch hoch gehandelten Stichworte der vergangenen Jahre finden sich wieder und der Autor bezieht Stellung.

Nida-Rümelin stellt sich den kritischen Themen. Aufbauend auf der humanistischen Tradition sieht er in einem erneuerten Humanismus den Humus für einen Minimalbestand geteilter Normen, Werte und Einstellungen. Erst diese Grundlage ermöglicht seines Erachtens Verständigung sowie bürger- und gesellschaftliche Teilhabe. Die Idee der Zivilgesellschaft bedarf zwingend einer Schnittmenge an Werten, die die Grundlage einer auf Kooperation und Anerkennung gründenden, eine soziale und politische Einheit formierenden Gesellschaft sein müssen.

Der Autor hält nicht nur die humanistische Werte wie Freiheit und Gleichheit, Würde, Autonomie, Selbstachtung, Achtung anderer, Toleranz, Pluralismus oder Gerechtigkeit hoch, sondern arbeitet heraus, wie wichtig unter diesen Aspekten die Geisteswissenschaften sind, um den ›modernen Kitt‹ herzustellen, der unsere multi-ethnischen, kulturell wie religiös pluralistischen Gesellschaften zusammenhält. Fortschritte in den Natur-, Ingenieurs- oder Bio-Wissenschaften können keine Normen für das gesellschaftliche Zusammenleben etablieren. Nida-Rümelins Plädoyer für die Geisteswissenschaften entspringt dieser Erkenntnis. Sie sind nicht Luxus, sondern – wie die weniger erfolgreiche jüngste deutsche Vergangenheit ungewollt zeigt – zwingende Notwendigkeit, um als Gesellschaft erfolgreich sein zu können. In gewisser Hinsicht wird erfolgreicher Humanismus damit zu einem Standortfaktor moderner Industriegesellschaften.

Der vierte und letzte Teil des Buches umfasst eine Art Anhang in Form eines Interviews, das Ulf Poschardt mit Nida-Rümelin geführt hat. Es ist sehr persönlich gehalten und insofern aufschlussreich, da dieser hier seine Herkunft, den akademischen und politischen Werdegang sowie seine ethischen, politischen und ästhetischen Überzeugungen offen darlegt. Zugleich zeigt das Gespräch auf, wie die verschiedenen Tätigkeiten Nida-Rümelins in den letzten Jahrzehnten ineinander griffen. Von seinen Fachgebieten in der Politischen Philosophie und Ethik zur politischen Praxis als Kulturpolitiker erhält man Einblick in eine Motivlage, die zu so vielfältigem Engagement in Kultur, Politik und Wissenschaft geführt hat. Zudem zeigt das Interview die persönliche Handlungsdimension im Sinne des propagierten ›erneuerten Humanismus‹.

Interessant ist die Beschreibung der Interaktion zwischen Politischer Theorie und politischer Praxis. Einerseits sieht Nida-Rümelin die Notwendigkeit der Praxisbewährung für die Wissenschaft, andererseits müsse die Politik sich in Zukunft noch stärker einer rationalen Überprüfung stellen. Ebenso ungeschminkt stellt er den Alltag als Seiteneinsteiger dar, obwohl er bereits reichliche Vorerfahrungen in der Politik mitbrachte. Von Berufspolitikern ungern gesehen, gilt der Quereinsteiger eher als unliebsamer Besucher im Politikbetrieb denn als Bereicherung. Der ehemalige Staatsminister beim Bundeskanzler und Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, so die offiziellen Amtsbezeichnungen, berichtet mit großer Offenheit von seinen Erfahrungen in der Politik. Nicht Pessimismus oder Enttäuschung herrschen vor, sondern – trotz aller Schwierigkeiten im politischen Alltagsgeschäft – Freude am Gestalten und an der Einmischung.

Insgesamt ist Humanismus als Leitbild ein starkes Plädoyer für Bildung und Kultur als eine der wichtigsten Säulen einer erfolgreichen modernen, liberalen Gesellschaft. Dies gilt auch unter ökonomischen Prämissen und ist keineswegs ein naiver Idealismus, wie der Autor aufzuzeigen versteht. Das Bildungsideal Nida-Rümelins orientiert sich auf bildungspolitischer Ebene an einem »erneuerten Humanismus«, der die normativen Grundlagen der Zivilgesellschaft erst ermöglichen soll, indem er die zu begründenden Werte einer kulturell pluralistischen Gesellschaft zu konstituieren hilft.

Julian Nida-Rümelin gelingt es, sowohl Laien als auch Fachleser mit seinen Interventionen anzuregen. Das Buch ist leserlich geschrieben und tiefsinniger, als das Thema zunächst vermuten lässt. Für Kulturpolitiker ist es ein Muss. Für Wissenschaftler, insbesondere Geisteswissenschaftler, aber auch für Künstler ist es zudem wohl Balsam für die Seele, insbesondere wenn man den fast grenzenlosen Optimismus des Autors bezüglich der Bedeutung dieser Bereiche für die Gesellschaft berücksichtigt: »Ja, ich denke es gibt nur zwei große Quellen der Innovation: Kunst und Wissenschaft. Wenn diese versiegen, erstarrt die Gesellschaft.«

Ulrich Arnswald